Ich mag vergessen, wie ich heisse und wo ich gerade bin, aber ich vergesse selten ein Essen. Das ist besonders hilfreich, wenn ich versuche, vergangene Ferien zu rekonstruieren.

Kürzlich war ich in Italien und auch, wenn ich mir kaum merken kann, wo ich die erste Nacht geschlafen habe, weiss ich doch, dass die Sonne im perfekten rechten Winkel zum Pizzamesser im Meer versank. Scilla war da, wo sie in der Vorsaison noch kaum Restaurants öffnen, in Gerace hatte ich fantastische Kiwi-Apfel-Granita, in Viggianello tischte uns die Wirtin das beste und fetteste Schweinskotelett auf, das ich je gegessen habe und war die Salsicca von einer verführerischen Konsistenz, in Ravello wurde frittiert, was das Zeug hielt, um die Engländer bei Laune zu halten und was nicht frittiert war, war in Käse eingewickelt, was die britischen Gäste zu endlosen Begeisterungsrufen motivierte. “Delicious!”

Die liebste Erinnerung ist mir aber ein Abend in einem Agriturismo namens “La Maddalena” bei Venosa. Ausser uns sass nur ein niederländisches Paar in dem riesigen Restaurant, das von den Proportionen her aber gut zum Kellner passte, der ein Fass war, eine Tonne war der. Und der fragte uns, ob wir so ein paar Antipasti möchten, eine Auswahl, zum Probieren, alles aus eigener Produktion. Wollten wir.
Zuerst brachte er Brot, einen Teller mit Wurst und Schinken, hervorragenden Ricotta mit Kirschkonfitüre, milchzarten Mozarella und gegrillte Paprika. Der runde Kellner schob uns aber ausserdem einen Beistelltisch zu, und da schwante uns Böses. Und tatsächlich trat er mit einem Tellerchen Zucchini und einem Topf mit Saubohnen aus der Küchentür, um gleich wieder zu verschwinden und Nachschub zu holen. Zuletzt verteilten sich 14 Teller auf unseren Tischen und wir haben uns Mut zugesprochen und sie leer gegessen und mit dem selbst gekelterten Aglianico nachgespült. Den gebackenen Fisch ebenso wie die Frittata und den Pecorino.
Die anderen Gäste winkten uns mitleidig zu, wir strahlten zurück, denn es war köstlich. Wie der Gesichtsausdruck des Dienstpersonals zu deuten war, weiss ich nicht. Süffisant, würde ich sagen. Als warteten sie darauf, dass wir um Gnade betteln und Stopp schreien oder ohne Vorwarnung platzen. Stattdessen setzten wir noch einen drauf und schaufelten hausgemachte Pasta, die allerdings sehr teigig schmeckte, in uns hinein beziehungsweise erledigten ein Schweinskotelett von der Grösse eines 15 Zoll-Monitors. Nicht restlos, aber ich war sehr zufrieden mit uns.

Das Festessen bezahlte ich mit einer Nacht voller Wälzerei und Albträume. Aber das wars wert.

agrilamaddalena.com

Der unten erwähnte Griessflammeri ist luftig und lecker, schmeckt aber noch viel besser, wenn er mit dunkelroter, dickflüssiger, kalter Kirschsuppe übergossen wird. So geschehen mindestens einmal wöchentlich, als meine Oma mich noch auf meinen Zuruf hin bekochte. Besonders köstlich und erfrischend ist die Gries-Kirsch-Kombination an einem heissen Sommertag in einer kühlen, steingefliesten Veranda genossen, während Fliegen an schlaffen gelben Klebebändern ihr Leben aussurren.

Kirschsuppe

500 g saure Kirschen oder
750 g süsse
1,5 l Wasser beziehungsweise Kirschsaft
40 g Stärkemehl
Zucker
nach Belieben Zimt
bei süssen Kirschen Zitronenschale

Die Kirschen entsteinen, mit dem Wasser oder Saft aufkochen, ausschalten und andicken, zehn Minuten ziehen lassen, durchrühren und abschmecken. Man kann die Kirschen auch roh durch die vorher gebrühte Fleischmaschine drehen.

Aufs Kirschen-Häckseln habe ich bisher stets verzichtet, auf Zimt hingegen nie. Noch besser wirds mit wenigen Gewürznelken, auch Vanille schadet nicht. Und weil ich ein Fan von Sago-Klumpen bin, dicke ich die Kirschsuppe nicht mit Stärke an, sondern mit Pulver für Rote Grütze, das Sago enthält.

Zuerst das Original ansehen, dann das Video unten starten!

via [Bitten]

Es schien eines dieser Rezepte zu sein, das man sich aufhebt und doch nie nachkocht. Zufälligerweise stolpere ich aber vor Salvatore Barones kleinen Laden an der Josefstrasse über ein Pappschild «barba di frate» und das grüne Kraut.

Spaghetti alla barba di frate

Mit dem momentane Frühlingswetter, einem Glas Wein und Sonne auf dem Balkon: nicht schlecht.

Eine weitere Variante von Spaghetti mit Mönchsbart gibt es bei lifegate.it, dort mit gehackten Pinienkernen und getrocknetem oder geräuchertem Ricotta. Auch nicht schlecht, mach ich morgen.

[Zeitungsausschnitt: Tages-Anzeiger, 02.02.2008]

Ich habe ein paar Tage bei meiner Familie verbracht. Zum Geburtstag eines Familienmitglieds wurde zum Brunch eingeladen. Brunch bedeutet, dass man den Tag mit Essen verbringt. Und so habe ich dieses Credo umgesetzt:

1. Ein Lachsbrötchen, etwas Kartoffelsalat, eine Gewürz- und eine Senfgurke.
2. Ein Teller Soljanka.
3. Ein Pfannkuchen (in anderen Teilen der Welt auch bekannt als Berliner).
4. Ein Stück Kirschkuchen.

Pause mit ausgedehntem Spaziergang.

5. Ein Schinkenbrötchen, ein Stück Käse.
6. Ein Stück Tiramisùtorte.
7. Eine Scheibe Kassler mit Senf und Sauerkraut.
8. Ein Pfannkuchen.
9. Chips.

Dazu ungezählte Tassen Kaffee und ein bis zwei Flaschen Rotkäppchen-Sekt. Auslassen musste ich Zwiebelkuchen, Wiener Würstchen und die eine oder andere Scheibe Wurst. Ich habe während des Familienbesuchs zwei Kilo zugenommen und bin sehr glücklich wieder nach Hause gefahren.

Zugetti 14-21 cm

Herzlich willkommen in der faszinierenden Welt der Lebensmittel titelt EUROSPAR, Gruppenmutter SPAR entwickelt sogar Leidenschaft für Lebensmittel. Davon kommt in der ausgestorbenen Oerliker Filiale nicht viel rüber. Doch der Gemüseeinkäufer weiss, dass die Länge zählt und nennt die Dinge beim Namen.

Omas_Kochbuch

Es gibt nicht viele Dinge, die mich so an meine Oma erinnern wie Essen: Wenn ich von der Schule kam, buk Oma einen Eierkuchen mit Rosinen (so hatte ich das in einem Buch gelesen und wollte das auch). Manchmal gab es Puddingsuppe mit Eischnee; mal Milchreis mit eingeweckten Pflaumen. Im Sommer freute ich mich auf Gurkensalat oder Griessflammeri mit Kirschsuppe; im Winter stand der Kochtopf mit den Kartoffeln unter der Bettdecke warm, und Oma briet Buletten. Oder die Hühnerbrühe mit Griesklösschen stand auf dem Herd oder es gab Speckkartoffeln, selten auch Milchsuppe. Ich wurde von Oma mit viel Matsch und Kleister gefüttert, denn während meine Mutter sich beim Gedanken an Milchreis oder Haferflockensuppe schüttelte, schaufelten Oma, Opa und ich alles Schleimige, Weiche und Flüssige genüsslich in uns hinein. Und alles war perfekt gekocht. Mit genau dem richtigen Grad an Schleimigkeit und ohne dass ich sie je dabei beobachten konnte, wie sie ihre Nase in ein Kochbuch gesteckt hat.
So wie sie hab ich das nie hinbekommen. Bis mir meine Mutter nach dem Tod meiner Oma eins ihrer zwei Kochbücher schenkte (das andere war selbst geschrieben): «Das elektrische Kochen. 750 Rezepte für die Elektro-Küche», erschienen 1939 als Werbesonderdruck der Elektrizitätswerke. Darin heisst es:

«Was vor Jahren noch als unerreichbarer Traum erschien, ist heute Wirklichkeit geworden: Die elektrische Küche. […] Möge dieses Büchlein den elektrisch kochenden Hausfrauen jederzeit ein guter Ratgeber sein und sie in die Lage versetzen, in den vollen Genuss der Vorzüge des elektrischen Kochens zu kommen.»

Und in den Genuss von Rezepten, deren Ergebnis dem Essen meiner Oma am nächsten kommt.

Ein Beispiel:

Griessflammeri.jpg

Griessflammeri
1 l Milch
50 g Zucker
1 Stück Zitronenschale oder Vanille
1 Prise Salz
1 Teelöffel Butter
10 g geriebene Mandeln
110 g grober Griess
1 Eigelb
1 Eischnee

Die Milch mit allen Gewürzen zum Kochen bringen, den Griess hineinstreuen, ausschalten und ohne Strom ausquellen. Das Eigelb verquirlen, unter Rühren dem Brei zusetzen, das Weisse zu Schnee schlagen und ihn unterheben. In eine ausgespülte Form geben und nach dem Erkalten stürzen und mit Kompott, einer Frucht- oder anderen Tunke zu Tisch bringen.

Weitere Rezepte folgen.

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